Carlolinum Osnabrück

1914///2014 – Mit den Augen des Anderen. Internationale Ausstellung zu Karikaturen und Propaganda im Ersten Weltkrieg unter Mitarbeit des Seminarfach-Kurses 12 sge7

2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges (1914-1918), der als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) gekennzeichnet worden ist, zum hundertsten Mal. Der erste globale Konflikt des 20. Jh.s und die daraus resultierende Nachkriegsordnung markieren eine scharfe Zäsur in der europäischen Geschichte: Tiefgreifende politische und gesellschaftliche Wandlungsprozesse waren seine Folge, die Rolle Europas in der Welt veränderte sich. Die historische Bedeutung und die aktuelle Relevanz des Ersten Weltkrieges lieferten vor gut einem Jahr Gründe genug, um an den Ersten Weltkrieg in Form eines internationalen Ausstellungsprojektes französischer und deutscher SchülerInnen zu erinnern und – in Kooperation mit dem Kulturgeschichtlichen Museum der Stadt Osnabrück – eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg zu erarbeiten. Das Ergebnis einjährigen intensiven Arbeitens, Diskutierens und Formulierens sowie häufiger Besuche im Kulturgeschichtlichen Museum als außerschulischem Lernort wird vom 3. August 2014 bis 11. Januar 2015 im Oberlichtsaal des Kulturgeschichtlichen Museums Osnabrück präsentiert: An Konzeption und Erarbeitung der internationalen Ausstellung „1914–1918. Mit den Augen des Anderen / Le regard de l’autre. Karikatur und Propaganda im Ersten Weltkrieg“ waren die Schülerinnen und Schüler des Seminarfach-Kurses Geschichte 12 sge 7 (2014/15) maßgeblich beteiligt.

Auf Grundlage der Sammlung „Kriegsbilder“ der Ernst von Siemens Kunststiftung – einer Sammlung von französischen und deutschen Karikaturen und Zeichnungen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges – hat das Kulturgeschichtliche Museum gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern aus Frankreich und Deutschland bzw. dem Carolinum innerhalb des letzten Jahres eine internationale Ausstellung entwickelt, die sich mit der Bedeutung und Wirkung von Karikaturen und Propaganda im Ersten Weltkrieg kritisch auseinandersetzt und dabei die jeweiligen nationalen Perspektiven miteinander konfrontiert. Die Ausstellung wirbt dabei für einen Geschichtsunterricht, der über Originalquellen nationale Identitäten integriert und so dem Lernenden einen Wechsel seiner Sichtweise ermöglicht. Dabei werden vor allem unterschiedliche nationale Blickwinkel aufgezeigt bzw. überwunden und so die „Sicht des Anderen“ thematisiert, um sich kritisch mit der gemeinsamen europäischen Geschichte zu befassen und die Wahrnehmung ‚des Anderen‘ bewusst zu machen – ein Experiment, das in der Ausstellung ausprobiert werden kann!

Im Rahmen der Ausstellung wird auch das Filmprojekt „In Europa nichts Neues?“ vorgestellt, das Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 8, 11 und 12 unter Leitung von Frau Gerve und Frau Berning am Carolinum entwickelt haben. Der sehenswerte Film wurde durch das literarische Werk des Osnabrücker Schriftstellers Erich Maria Remarque inspiriert.

 H.H.Steenken und der Seminarfach-Kurs Geschichte 12 sge 7,

Gymnasium Carolinum Osnabrück

Hier drei Beispiele französischer Karikaturen aus der Ausstellung:

Abel Truchet (Versailles 1857–1918 Auxerre): Cimetière et Champ de bataille

Über ein Gräberfeld schreitet eine ältere gebeugte Frau. Sie ist schwarz gekleidet, trägt einen bodenlangen Trauerschleier und muss sich auf einen Gehstock stützen. Das Feld ist mit Kreuzen übersät. Auf den Kreuzen im Vordergrund sind Städtenamen zu lesen: Morsbronn, Sedan, Zululand, Gravelotte, Soissons, Senlis, Reims und Charleroi. Die Namen stehen für Kriegsschauplätze des Ersten Weltkrieges. Die Botschaft lautet: Schlachtfelder sind riesige Friedhöfe, über denen der ‚Schleier der Trauer‘ weht. Einige der Schlachtorte wie Sedan oder Gravelotte erinnern zudem an Kämpfe aus dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, die von den Franzosen verloren wurden. Das aktuelle Leid aus dem Ersten Weltkrieg bekommt damit noch eine zusätzliche historische Dimension; der aktuelle Konflikt bzw. die manifeste ‚Erbfeindschaft‘ hat eine Vorgeschichte.

Jean Gabriel Domergue (1889 Bordeaux–1962 Paris): Le Paon Germanique

Wilhelm II. präsentiert sich als zweiter Ludwig XIV., hier allerdings mit einer Pickelhaube gekrönt und mit dem charakteristischen „Kaiser-Wilhelm-Bart“ versehen. Der Künstler zitiert mit dieser Darstellung das großformatige Porträt von Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV., das 1701/02 von Hyacinthe Rigaud angefertigt wurde. Als „germanischer Pfau“ bezeichnet, spricht der deutsche Souverän: „Sie hatten ihren Sonnenkönig, ich bin wie der Mond.“ Der germanische Mond leuchtet also nur, weil Frankreichs Sonne ihn anstrahlt. Die glanzvolle Kultur, für die der französische Sonnenkönig steht, besitzt der deutsche Kaiser demnach nur ansatzweise, und schon gar nicht aus eigener Kraft. Domergue verspottet Wilhelm II. als einen eitlen, arroganten Herrscher.

Jean Gabriel Domergue (1889 Bordeaux–1962 Paris): Le Professeur de „Kultur“

Schulunterricht in Deutschland: Vor einer Tafel hockt der Schüler, ein kleiner Junge mit Pickelhaube. Er sitzt auf einem Nachttopf mit der Aufschrift „Kultur“ und lauscht gebannt seinem Schulmeister, einem alten, bärtigen Mann mit Brille. Die Brille ist schon in der Karikatur der frühen Neuzeit ein Synonym für Torheit. Der Lehrer redet eindringlich auf den Jungen ein, ja er scheint zu brüllen und deutet dabei zur Tafel. Dort befinden sich Lehrsätze, mit denen er seinem Schüler die Inhalte der deutschen Kultur einzubläuen versucht. Sie sind voller fäkaler Anspielungen. Das angedeutete „Merde in Germany“, angelehnt an das Qualitätssiegel „Made in Germany“, suggeriert beispielsweise, dass Deutschland nur „Kacke“ zu exportieren hat. Der kleine Deutsche „scheißt“ dementsprechend im Sinne des Wortes auf die Kultur. Der Deutsche ist im Gegensatz zum Franzosen ein Kulturbanause – so die milde ausgedrückte Botschaft der drastischen Karikatur. Damit wird der imperialistische Machtanspruch des Kaiserreichs, wie er auf der Landkarte im Hintergrund, auf der Deutschland von Spanien bis nach Russland reicht, deutlich wird, eine Bedrohung für Europa. Die weitere Aufforderung des Blattes bedeutet daher: Stoppt die Deutschen, bevor sich ihre „Kulturbrühe“ über den Kontinent ergießt! Die Karikatur setzt den Gegensatz zwischen deutscher Kultur und französischer Zivilisation drastisch ins Bild.