Carlolinum Osnabrück
22.09.2019

Zwischen Kultur und Barbarei – auf Projektfahrt in Weimar und Buchenwald

Dank einer sehr großzügigen Förderung des Carolingerbundes und des Fördervereins erhielten während der diesjährigen Projekttage 13 Schülerinnen und Schüler des Carolinums die Möglichkeit, mit nur geringer Eigenbeteiligung eine dreitägige, überaus interessante, lehrreiche und eindringliche wie gemeinschaftlich harmonische Exkursion nach Weimar zu unternehmen, die unter uns Schülerinnen und Schülern neue Kontakte und Bekanntschaften hat entstehen lassen. Unser Dank gilt daher deren Vorsitzenden, Herrn Dr. Höckelmann und Herrn Dr. Berger!

Unter dem Leitgedanken „Zwischen Kultur und Barbarei“ sollten nicht nur zahlreiche Kulturstätten und Museen Weimars, sondern auch das KZ Buchenwald am Ettersberg besucht werden. Organisiert und fachkundig begleitet wurde die Fahrt von Herrn Steenken und Herrn Dähling. 

Konzentrationslager Buchenwald

Das KZ Buchenwald wurde 1937 in unmittelbarer Nähe zu Weimar errichtet und diente bis zur Befreiung am 11. April 1945 als Gefangenen- und Arbeitslager für etwa 280.000 Menschen, die nicht in das Weltbild des nationalsozialistischen Regimes passten – darunter u.a. Juden, „politische“ Häftlinge (Kommunisten, Sozialdemokraten), Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Sinti und Roma. Das Hauptlager Buchenwald sowie seine 139 Außenlager dienten außerdem als Zwangsarbeitsstellen für Rüstungsgüter. Obwohl nicht primär als Vernichtungslager errichtet wie zum Beispiel Auschwitz in Polen, wurden tausende Inhaftierte, insbesondere sowjetische Kriegsgefangene,  gezielt ermordet oder kamen durch die Willkür der SS-Soldaten oder die unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu Tode.

Für uns ging es direkt nach der Ankunft in Weimar weiter auf den Ettersberg, wo die heutige Gedenkstätte liegt. Bei einer fachkundigen Führung über das ehemalige Lagergelände erhielten wir einen Einblick in die Geschichte des Lagers und die unvorstellbaren Bedingungen, die dort geherrscht haben mussten.

Auf den ersten Blick wirkte die Gegend harmlos, ja, unspektakulär. Ein kleines Waldstück, an dem wir entlanggeführt wurden, einige unscheinbare Gebäude, die, so wurde uns erklärt, einmal als SS-Kasernen gedient haben.  Erst am Lagertor wurde vielen zum ersten Mal so richtig bewusst, wo man sich eigentlich befand.  Jedem das Seine – ein mulmiges, beklemmendes Gefühl, die Torinschrift mit den Worten, die man sonst nur aus dem Geschichtsunterricht kennt, nun vor sich zu haben.  Spiegelverkehrt, damit  die Häftlinge im Innern des Lagers sie lesen konnten. So sollte ihnen das Gefühl vermittelt werden, verdient zu haben, was man ihnen antat. Die Ironie daran:  Ursprünglich stammen die Worte Jedem das Seine aus einem längeren römischen Spruch, der von Gleichheit und Gerechtigkeit handelt.

Im Torgebäude befinden sich außerdem Überreste von „Bunker“ genannten Arrestzellen, in denen SS-Aufseher Häftlinge folterten und ermordeten. In vielen dieser Zellen sind inzwischen Informationstafeln und kleine Gedenkstätten für ehemalige Insassen errichtet worden.

Hinter dem Lagertor erstreckt sich der Appellplatz, auf dem die Häftlinge jeden Tag anzutreten hatten und je nach Laune der Lageraufsicht zum Teil mehrere Stunden lang stillstehen mussten – egal, bei welchem Wetter.  Da zum Zeitpunkt unseres Besuchs sommerliche Hitze herrschte und es auf dem Appellplatz keinen Schatten gibt, schlugen wir einen anderen Weg ein und liefen stattdessen am Zaun entlang, vorbei am ehemaligen Lagerzoo, der zur Belustigung der SS-Angehörigen und ihrer Familien diente und sich nur wenige Meter vom Zaun entfernt befindet. Angesichts der Tatsache, dass sich dort auch viele Kinder aufhielten, wirkte es auf uns umso morbider, dass man von dort aus auch einen direkten Blick auf die Häftlinge gehabt hat und umgekehrt.

Schließlich wurden uns noch ein Teil des Lagergeländes sowie das Krematorium, in dem die Leichen verstorbener Insassen in Öfen verbrannt wurden, die eigentlich für Tierkadaver gedacht waren, gezeigt. Damit endete unsere offizielle Führung durch die Gedenkstätte.

Anschließend erhielten wir noch die Möglichkeit, selbstständig  eine Ausstellung zu besuchen, die zahlreiche (Geheim-) Dokumente, Briefe und Fotos, aber auch Kleidungsstücke und persönliche Besitztümer von Gefangenen enthält.

Es war für uns alle eine sehr eindrucksvolle, lehrreiche Exkursion, die dazu beigetragen hat, dass die Zahlen und Fakten aus dem Geschichtsunterricht nun auch Namen und Gesichter tragen und die die Verbrechen der Nationalsozialisten und den psychischen Terror, dem die Häftlinge ausgesetzt waren, nicht unbedingt verständlicher, aber doch nachvollziehbarer gemacht hat. 

Weimar – Literatur, Architektur, Geschichte

In diesem Jahr feierte das Bauhaus sein hundertjähriges Jubiläum. Die Zusammenführung von Kunst und Handwerk anstrebend, hat es das Bild modernistischer Strömungen maßgeblich geprägt.

Da das Staatliche Bauhaus aus Weimar stammt,  war für uns der Besuch desneuen  Bauhaus-Museums, das eine umfangreiche Ausstellung enthält, nur angebracht. Wie so ein Bauhaus in der Praxis aussehen kann, konnten wir später bei einem Besuch des Modell-Bauhauses („Haus am Horn“) am Ilmpark feststellen. Es wurde 1923 zur Bauhaus-Ausstellung errichtet und ist zugleich das einzige Bauwerk, das das Bauhaus in Weimar realisiert hat.

Ebenfalls am Ilmpark befindet sich das berühmte Gartenhaus von Johann Wolfgang von Goethe. Dort sind nicht nur originale Einrichtungsgegenstände, sondern auch Briefe und handschriftliche Notizen des  Dichters ausgestellt. Das Gartenhaus diente ihm  von 1776 bis 1782 als Wohn- und Arbeitsstätte. Dort sind auch einige der bekanntesten Werke Goethes entstanden – so zum Beispiel die Ballade „Der Erlkönig“ oder auch das Gedicht „An den Mond“.

Auch Goethes Wohnhaus am Frauenplan, in dem er bis zu seinem Tod im Jahre 1832  gewohnt hat, wurde von uns mithilfe von Audioguides erkundet.  Die anschließende Führung durch das Goethe-Nationalmuseum hat uns das Phänomen Goethe auf lebendige Art noch ein Stück nachvollziehbarer gemacht, sodass wir eine Menge Eindrücke aus dem Leben und Wirken des wohl berühmtesten deutschen Dichters gewonnen haben.        

Ebenfalls nicht fehlen durfte für uns ein Abstecher zum Nationaltheater – dem Ort, an dem die Nationalversammlung die erste Weimarer Verfassung verabschiedete. Direkt davor befindet sich das berühmte Goethe-Schiller-Denkmal, das die beiden Schriftsteller in imposanter Pose zeigt. Anschließend war in der Stadtkirche St. Peter und Paul der Altar von Lucas Cranach mit seiner protestantischen Bildbotschaft zu bewundern.

Am letzten Tag erhielten wir schließlich die Möglichkeit, die Herzogin Anna Amalia-Bibliothek zu besuchen. Der dreistöckige Rokoko-Saal mit seinen vielen Verzierungen, Gemälden, Büsten und natürlich der umfassenden Büchersammlung dürfte nicht nur für Literaturliebhaber beeindruckend anzusehen sein. Hinter all dem Stuck und der prunkvollen Gestaltung des Saals verbirgt sich jedoch eine große Schattenseite:  Bei einem Brand im Jahr 2004 haben gerade einmal 28.000 der 196.000 Bücher im Historischen Bibliotheksgebäude das Feuer unbeschadet überstanden. Ganze 50.000 Werke sind vollständig verbrannt, der Rest trug Wasser-, Hitze-, Ruß- und Rauchschäden davon und konnte nur zum Teil restauriert werden.