Carlolinum Osnabrück
25.09.2019

Auch wir in Weimar - Drei Tage auf den Spuren Goethes und Schillers

Goethe, Schiller, Wieland, Herder… All diese Berühmtheiten haben in der Epoche der Weimarer Klassik gelebt, die Weimar zu der Stadt machte, die heute zahllose Touristen anzieht. Weimar bietet seinen Besuchern und Bewohnern also ein großes Spektrum an Kultur und Geschichte.

Nachdem wir uns im Unterricht mit Schillers Drama „Kabale und Liebe“ und Goethes Lyrik des Sturm und Drang eingehend beschäftigt hatten, schlug uns Frau Reischert vor, während der Projekttage nach Weimar zu reisen. Gesagt, getan: So kamen wir, die Klasse 11A des Carolinums in Osnabrück, in der europäischen Jugendbildungs- und Begegnungsstätte (EJBW) im Herzen Weimars unter. Die äußerst schöne und vorteilhafte Lage mitten im Grünen ließ beinahe einen direkten Blick auf den Park an der Ilm zu.                               

Freitag: Park an der Ilm mit Goethes Gartenhaus

Der zentral gelegene nach den Prinzipien des Englischen Gartens angelegte Park wartet mit bedeutsamen historischen Gebäuden auf; unter dem Motto „Phönix aus der Asche“ lud er uns gleich am ersten Tag zu einem Rundgang ein.

Am Rande des Parks liegt das prunkvolle Stadtschloss, zur Goethezeit Residenzschloss von Sachsen-Weimar. Bis zu seinem frühen Tod 1758 regierte Ernst August II. mit seiner Frau und Herzogin Anna Amalia. Da seine beiden Söhne, Carl August und Friedrich Ferdinand Konstantin, noch unmündig waren, übernahm Anna Amalia, die schon kurz vor ihrem 18. Geburtstag Witwe wurde, die Vormundschaft für ihre Söhne. Wir erfuhren, dass nach einem zerstörerischen Brand des Schlosses im Jahr 1774 der Herzog Carl August einen Wiederaufbau in Betracht zog, welcher unter der Ägide Goethes in die Tat umgesetzt wurde. Anna Amalia übertrug die Regierungsgeschäfte 1775 ihrem Sohn Carl August, während sie sich selbst auf ihren Witwensitz zurückzog .

Um die Bildung in der Stadt zu fördern, ließ Anna Amalia eine dem Schloss benachbarte frei zugängliche Bibliothek errichten, die Kulturträger, allen voran Goethe, anzog, der als Hauptbibliothekar die Belange des Hauses maßgeblich förderte.

Beim Gang durch den Park erfuhren wir, dass dieser ursprünglich für den Adel, der im Zuge der Empfindsamkeit Gefallen an der Natur fand, angelegt wurde; er diente als Kulisse für Freilichttheateraufführungen, Konzerte sowie Feste des Adels. Eine Besonderheit des Parkes stellt das harmonische Zusammenspiel zwischen der Natur und einigen Denkmälern dar. Wir hörten angespannt zu, als wir von dem erschütternden Schicksal eines Hoffräuleins erfuhren, das sich aus unglücklicher Liebe in unserem Alter in dem Park das Leben nahm. Goethe widmete ihr einen Gedenkplatz, vielleicht auch, weil sie bei ihrem Freitod ein Exemplar der „Leiden des jungen Werthers“ bei sich trug – ein sehr idyllischer Ort, dessen Besuch wir mit einer kleinen Aufführung des „Erlkönigs“ abgerundet haben.

Das weltberühmte Gartenhaus, ein Geschenk Carl Augusts an Goethe, betritt man durch einen gepflegten Vorgarten, der ursprünglich Teil eines Weinbergs war. Goethe ließ in diesem Garten Obst und Gemüse zum Eigenverzehr anbauen. In dem Haus befinden sich teilweise noch originalgetreue Möbelstücke. Als faszinierend empfanden wir das Arbeitszimmer, in dem sich das Stehpult sowie der „Sitzbock“ befinden, an dem Goethe bekannte Werke, wie z.B. den „Erlkönig“, geschrieben hat.

Die Zeit zur freien Verfügung nutzten wir im Anschluss an die Führung, um durch die Altstadt von Weimar zu schlendern. Die engen Gassen, welche mit Kopfsteinpflaster versehen sind, und die eng aneinander gereihten Lädchen und Wohnhäuser ließen uns in die Lebzeiten von Schiller und Goethe zurückreisen.

Samstag: Goethes Wohnhaus, das Römische Haus und die Anna Amalia-Bibliothek

Zuvor aber ein Abstecher zu der Neuen Bibliothek Weimars, deren atemberaubende Innenarchitektur wir bewunderten. Dann ein besonderer Höhepunkt: Goethes Haus am Frauenplan. Hier lebte Goethe nach seiner Italienreise, so dass das Haus von neuen Inspirationen geprägt ist.

Die Worte Goethes „prächtige Zimmer und elegantes Hausgerät sind etwas für Leute, die keine Gedanken haben und haben mögen… alle Arbeiten von Bequemlichkeit sind eigentlich ganz gegen meine Natur. Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa. Ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl … Eine Umgebung von bequemen und geschmacksvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen behaglich passiven Zustand“ begleiteten uns während der gesamten Hausbesichtigung. Das Haus kam uns allerdings schon ziemlich prächtig vor: Viele Nachbildungen antiker Statuen und antike Büsten schmücken Goethes Haus. Unser Rundgang nahm sein Ende im Bauerngarten Goethes, welchen er sehr oft als Quelle der Inspiration genutzt haben soll. Auf dem Weg zu unserem nächsten Treffpunkt, dem Römischen Haus, schlenderten wir über den Markt und an niedlich eingerichteten Cafés vorbei, was uns an das Flair in Rennes erinnerte.

Nach der freien Zeit hat Frau Reischert uns dann einige Dinge zum Gartenhaus Herzog Carl Augusts, dem sogenannten Römischen Haus, erklärt. So lenkte sie unsere Aufmerksamkeit auf den römischen Baustil mit ionischen Säulen im Eingangsbereich. Wir erkannten, dass Goethe dieses Haus entworfen haben musste, als er noch von seiner Italienreise inspiriert war. Angesichts der Hitze zog uns indes der alte Brunnen auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses besonders an. Wie so vieles in diesem Park sind die Fluchtpunkte und Sichtachsen dieses Hauses perfekt berechnet, sodass der Herzog vom Schlafzimmer aus wieder Goethes Gartenhaus sehen konnte. Interessant fanden wir auch, dass der Herzog im schönen Gartenhaus mit seiner Geliebten, einer Schauspielerin, gelebt hat, während seine Frau im Schloss wohnte.

Es folgte eine Führung durch die Anna Amalia-Bibliothek, die heute eine öffentlich zugängliche Archiv- und Forschungsbibliothek für Literatur- und Kulturgeschichte mit besonderem Schwerpunkt der Epoche zwischen 1750 und 1850 ist. Sie verfügt dennoch über Sammlungen vom 9. bis zum 21. Jahrhundert, mit einem Gesamtbestand von rund 1 Mio. Bänden. Die größte Faszination war dann der berühmte Rokoko-Saal der Bibliothek, in dem sich rund 40.000 Bücher des 18. Jahrhunderts und früherer Epochen befinden.

Nach einem schnellen Abendessen wechselten wir unsere Garderobe und machten uns für das Deutsche Nationaltheater fertig. Wir besuchten die letzte Aufführung dieser Saison von Goethes „Faust“, mit dessen Inhalt wir uns bereits im Vorfeld vertraut gemacht hatten. Schnell fiel auf, dass es sich um eine moderne Inszenierung des Stückes handelte, was auf große Begeisterung im Publikum traf. Durch die Darstellung Mephistos als „cooler“ Teufel wurde immer wieder viel gelacht. Das Stück endete unter viel Applaus, einer sich erhebenden Menschenmenge und zu Tränen gerührten Darstellern. Uns allen hat die Aufführung viel besser gefallen als erwartet. Als Ausklang des Tages sind wir nach Ende der Aufführung am späten Abend alle Eis essen gegangen, was den gelungenen Tag vollkommen machte. 

Sonntag: Schillers Wohnhaus, die Herderkirche und die Wartburg

Der letzte Tag unserer Weimarreise war angebrochen und begann zunächst mit einem frühen Besuch von Schillers Wohnhaus. Jedem von uns fiel bereits zu Beginn der Unterschied zu Goethes Haus auf. Alles war viel einfacher und nicht so imposant, wie wir es bei einem so bedeutenden Dichter und Denker erwartet hätten. Uns alle beeindruckte Schillers Bodenständigkeit, der gerne viel Zeit mit seinen vier Kindern verbracht hat. 

Im Anschluss besichtigten wir die Herderkirche, wo wir uns DAS Altarbild des Malers Lucas Cranach des Jüngeren angesehen haben, das Jesus am Kreuz zeigt. Besonders interessant fanden wir, dass Cranach im rechten Vordergrund des Bildes auch seinen Vater gemalt hat, der zwischen Johannes dem Täufer und Luther steht und der – als Zeichen der Erlösung – von  einem Blutstrahl aus der Seitenwunde Christi getroffen wird. Ebenfalls interessant war ein Triptychon, das Luther in dreierlei Gestalt zeigt: Als Mönch mit geschlossener Bibel, als Universitätslehrer mit aufgeschlagener Bibel und als Junker Jörg; ein Name, den Luther aus Sicherheitsgründen annahm, als er auf der Wartburg die Bibel übersetzte. Dieses Triptychon bildete eine guten Übergang zu unserem letzten Reiseziel: der Wartburg, die wir bei 38 Grad hinaufwanderten und wo wir auch die Stube sahen, in der Luther die Bibel übersetzt hat. 

Auch wenn es vielleicht für viele Jugendliche auf den ersten Blick langweilig wirkt, so viel Kultur zu erleben, können wir nur sagen, dass unsere Fahrt keineswegs langweilig gewesen ist. Ganz im Gegenteil: Es war ein unglaubliches Gefühl, mal in das Leben berühmter Dichter einzutauchen und alles hautnah zu erleben. Zu wissen, dass genau an diesem Schreibtisch, der nur ein paar Zentimeter von Dir entfernt steht, die wohl größten literarischen Werke entstanden, die heute weltweit bekannt sind, ist einfach unvorstellbar. 

An dieser Stelle ein großer Dank an den Förderverein des Carolinums und den Carolingerbund, ohne deren großzügige finanzielle Unterstützung manche interessante Highlights nicht möglich gewesen wären. Zum Abschluss möchten wir einen riesengroßen Dank an unsere Klassenlehrerin Frau Reischert und Herrn Breuing aussprechen, die uns diesen Ausflug ermöglichten und ein tolles Programm lieferten.